„na mir hatten doch nüscht…“

Angeregt durch den Artikel von Andrea übers Einkaufen, hab ich mir -wiedereinmal- Gedanken gemacht. Über ehemals Ost und West und über die anscheinende Verschiebung der Wahrnehmung. Oder wie auch immer man das nennt.

Kurz zu mir. Ich bin „im Osten“ aufgewachsen, als die Mauer fiel, war ich 17. Somit kann ich behaupten, einen Großteil meines Lebens handgeschnitzter Ossi gewesen zu sein. Vor 6 Jahren war es noch die Hälfte meines Lebens 😉
Soll heißen, solche Sachen wie Einkaufen und Zustände im örtlichen Konsum (das spricht man Kon-summ, nicht Konsuuuuuuuuuuuuum) oder HO-Lebensmittelhandel kenne ich dann auch noch. In unserer Kreisstadt gab es sogar einen Deli (für die „Wessis“ Deli = Fress-Ex = Delikatläden waren Einzelhandelsgeschäfte für Lebensmittel des „gehobenen Bedarfs“ in der DDR. Die ersten Läden wurden 1966 eröffnet. Ab 1978 erfolgte eine Ausdehnung von 109 auf 250 Geschäfte. In der Umgangssprache wurden sie Deli oder in Anlehnung an die Exquisit-Läden Fress-Ex genannt.), eine Jugendmode, einen Bücherladen, einen Schreibwarenladen, einen Elektroladen, einen Friseur, 1 Fleischer, 2 Drogerien und 2 Bäcker. Wahnsinn, oder? Und das bei 7000 Einwohnern. Ich glaub, ich hab sogar noch was vergessen, aber hey, ich wohne da auch schon lange nicht mehr.
Somit gab es also diverse Möglichkeiten, sich mit den Waren des alltäglichen Bedarfs einzudecken.

Jetzt höre ich immer mal wieder den Satz ehemaliger „Ossis“ „Na mir hatten doch nüscht, es jab doch nüscht!“
Komisch nur, wie es alle, die da jetzt meckern geschafft haben, die Zeit zu überleben und nicht zu verhungern oder zu verdursten. Okay, Wasser gab es aus der Leitung. Verdursten fällt somit aus.
Selbst in dem Dorf, in dem meine Oma lebte, gab es einen Konsum, der alle Grundnahrungsmittel in mehr oder weniger ausreichender Menge führte. Da musste man schlichtweg wissen, wann die Brötchen geliefert wurden, sonst konnte es tatsächlich sein, dass kurz vor Feierabend einfach mal keine Brötchen mehr da waren. Aber das kann einem hier im Westen auch passieren. Nämlich wenn der Bäcker keiner Kette angehört, die permanent beliefert wird. Oder wenn gerade „Stosszeit“ ist. Ich habe auch schon oft genug in die Auslage geschaut und kein normales Brötchen mehr gesehen. Meistens gab es dann aber noch Körnerbrötchen.

Zurück zum Osten. Klar, Körnerbrötchen waren ein Fremdwort. Aber ich weiß nicht, wann es im Westen usus wurde, das es mehr als nur helle Brötchen gab. Smit könnten sicherlich auch die Omas hier sagen: Na wir hatten doch nichts! Und hätten damit wahrscheinlich sogar recht.

In meiner Heimatstadt gab es, soweit ich mich erinnere, keine Brötchenengpässe. Und Brot war auch meistens in ausreichender Anzahl erhältlich. Ebenso verhielt es sich mit den gängigen Wurstsorten, Milch, Butter, Eier und Marmelade. Schokolade gab es auch meistens, zwar nicht in einer solchen Vielfalt wie heute, aber es waren durchaus leckere Sachen dabei. Es sei denn, es zog gerade mal wieder eine Meute ausländischer Erntehelfer durch die Stadt, dann schrumpfte der Schokoladenvorrat doch zusehends.
Ich habe auch niemanden nackig durch die Stadt laufen sehen. Wenn die Jugendmode gerade eine Lieferung hatte, sah man zwar viele Mädchen und Jungen in ziemlich ähnlichem Aufzug, aber das war ich gewohnt und kannte es nicht anders.

Wir hatten den großen Vorteil, dass meine beste Freundin Enkeltochter der Fleischerei-Inhaber ist. Somit musste ich selten anstehen und habe ihr Donnerstags oder Freitags meist unseren Zettel mitgegeben, um dann am nächsten Tag nach dem Spielen unseren Einkauf fertig gepackt mit nach Hause zu nehmen. Und soll ich ganz ehrlich sein? Die Jagdwurst hat mir damals echt besser geschmeckt als heute. Irgendwie schmeckt die heute nur gleich und nicht so, wie ich Jagdwurst in Erinnerung habe.

Natürlich erinnere ich mich auch an die berühmte „Bückware“, die man nur bekam, wenn man entweder schnell genug war oder Beziehungen hatte. Ebenso verhielt es sich mit Kaffee. Zumindest mit dem, der nach aussagen meiner Eltern schmeckte. Da ich damals noch keinen Kaffee getrunken habe, hat es mich aber nicht weiter gejuckt.
Kippen, Korn und Bier gab es anscheinend immer. Auch das hat mich nicht weiter interessiert.

Tja und nun komme ich zu der Frage wo: „Na mir hatten doch nüscht!“ war. Nein, wir hatten nicht dauerhaft Bananen und Apfelsinen. Aber sogar im Westen sind Orangen Saisonware. Nein, wir hatten auch keine Goldbären oder lila Kühe. Aber Gummibärchen und Schokolade. Wir hatten keine Körnerbrötchen, aber da steht ja noch die Frage im Raum, wann die überhaupt in den Läden Einzug gehalten haben.
Deo, Duschgel und Zahnpasta gab es übrigens auch 🙂
Nur das Klopapier war Mist.

So, in diesem Sinne.
Jetzt habt ihr was – nämlich was zu lesen.

sabolein

Schön, dass Du hier bist.
Auf „sabo(tage)buch“ schreibe ich zu vielen unterschiedlichen Themen.
Neben Alltäglichem findest Du hier jede Menge Rezepte aus unterschiedlichen Bereichen wie Low Carb, Crockpot/Slowcooker, Hefeteig, Pastagerichte und und und. Ich koche und backe aus Spaß und Freude.
Ehrliche Produktreviews sind ein weiterer Teil meines Blogs.
Und manchmal schreibe ich auch einfach nur über Dinge, die mir gerade durch den Kopf gehen.

6 Gedanken zu „„na mir hatten doch nüscht…“

  • 21. März 2013 um 15:36
    Permalink

    Na da muss ich doch erstmal ein bissl schmökern bevor ich dir gratuliere:
    http://queenofhome.wordpress.com/2013/03/21/auslosung-des-oster-gewinnspiel/
    🙂

    Wieder einmal sehr fein „frei Schnauze“ geschreiben. Keine Ahnung warum aber die Hälfte meiner Beziehungen habe ich mit „Ossis“ gefüht. Auch mein Menne kommt aus Dresden, aber warum auch nicht, jeder sollte sich einen halten;-) Man muss viel einfach mit Humor sehen ansonsten geht man kaputt.

    Finde deinen Beitrag sehr aufschlußreich, ich bin im Westen aufgewachsen aber wir hatten viel Bekanntschaft im Osten und es war überall das selbe: Mn hat immer nur gehört: wir armen, es gibt doch nichts….
    Aber das ist ja mal wieder Auslegungssache, mein EX sagte mir damals: Natürlich hatten wir Deo aber nicht so wie ihr das tolle AXE sondern BAC oder 8×4 wenn man grad wieder in Ungarn Urlaub machen durfte.
    Und schau mal:
    http://www.lukeslog.de/?p=793

    Laut diesem Artikel gibt es das Körnerbrötchen eh erst seit Mitte der 80er.

    Danke nochmal für den schönen Einblick mal aus einer anderen Sicht.

    Antwort
    • 21. März 2013 um 16:11
      Permalink

      🙂 Danke an Deine Fortuna 🙂
      Und … genau das mein ich – es ist Auslegungssache. Und im Jammern und Neiden sind die meisten eh Weltmeister. Klar hab ich mich gefreut, wenn ich auch mal ne Packung Schogetten gekriegt hab (konnte ja nicht ahnen, dass das auch mal blos die „Billigschoki“ ist *lach)
      Ich halte mir dafür nen Wessi 😀 So muss das sein, gell?

      Antwort
  • 21. März 2013 um 20:28
    Permalink

    lach… ach Sabolein, wo führst du mich denn wieder hin? 🙂
    wir hatten doch nüscht… das kann ich nicht sagen, denn ich bin ja im priveligierten Berlin aufgewachsen, meine Großeltern väterlicherseits hatten einen Gemüseladen und meine Großeltern mütterlicherseits hatten Geld. Und Westverwandte 🙂
    ich war 21 zur Wende, hatte grade begonnen, Ökonomie zu studieren, also was die DDR davon hielt, sozusagen Ossi-BWL… 🙂
    Mir hat es an nichts gefehlt… aber wir hatten auch Beziehungen… das muss ich ehrlich sagen. also nicht wir, meine Eltern. Ich dann erst, als ich anfing, bei der KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung) zu arbeiten und Reparaturscheine gegen Waren tauschen konnte 🙂
    aber das würde jetzt zu weit führen… *g*
    Ich habe nichts vermisst, im Gegenteil… und das mit den beziehungen haben ist im Westen noch viel schlimmer, im Osten gings um Tomaten, Zement oder Holz. Im Westen gehts um Extenzielles.
    Danke Süße… fürs Erinnern ♥

    Antwort
  • 21. März 2013 um 21:47
    Permalink

    🙂 Ich hoffe, das KVW war für die Westler als Erklärung gedacht 😉

    Antwort
  • 22. März 2013 um 05:22
    Permalink

    na, dass DU das kennst… 🙂 ja, war für die Westler 😉
    Knutscha

    Antwort
  • 22. März 2013 um 16:58
    Permalink

    Vieles was wir heute hier kennen, hatten wir auch früher im Westen nicht. Obwohl es die lila Kuh schon länger geben soll, habe ich sie erst als Teenager kennengelernt. Bei uns Zuhause gab es immer Sarotti und die wurde zugeteilt. Obt gab es auch nur saisonbedingt. Wenn Apfelsinenzeit war, gab es Apfelsinen, wenn Pfirsichzeit war gabs Pfirsiche. Meine Eltern hätten auch niemnals überteuerte Preise für eteas ausgegeben, nur weil es außerhalb der Saison war. Dann kommt noch dazu, dass ich in den 70ern aufgewachsen bin. Da hatte zwar so ziemlich jeder einen Job, aber zumindest bei uns in der Siedlung war es so, dass die Eltern alle frisch gebaut hatten und das war teuer, also blieb nicht soviel Geld für Extrawünsche. So wie heute, dass die Kinder sich Schmuck von Thomas Sabo (Sabo – schöööön) erlauben können oder teure Markenjeans, das war nicht. Ich habe Jeans getragen von der Marke ForFriends die hat DM 30 gekostet und wenn sie günstig waren sogar nur DM 20. Das war aber nicht schlimm, weil meine Freunde auch diese Hosen getragen haben. Das einzige was ich bekommen habe, waren Schuhe mit den 3 berühmten Streifen, weil meine Mutter die Hoffnung hegte, dass meine Rittersport-Füße noch zu retten wären! Entscheiden mußte ich mich auch, ob ich mein begrenztes Taschengeld für Bücher oder Musik ausgebe und da haben die Bücher gewonnen. An das Klopapier kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Mich hätte auch nicht das fehlende Warenangebot gestört, wenn ich in der ehemaligen DDR gewohnt hätte, sondern die eingeschränkte Reisefreiheit. Ich muss gar nicht oft wegfahren, aber ich muss wissen, dass ich jederzeit die Möglichkeit habe hinzugehen, wohin ich auch möchte. 😉

    Antwort

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